Tourismus: Reise in ein Paradies auf Erden?
Vier Stationen zwischen Hölle und Eden
Seit 2018 wird auf der Yucatán-Halbinsel der Tren "Maya", das Prestigeobjekt der vorherigen und derzeitigen Regierung Mexikos, gebaut und ist auch zu Teilen fertiggestellt.
Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um einen Zug, sondern um ein Paket von Infrastrukturprojekten, die u.A. den Sektoren Energie, Gütertransport und Agrarindustrie zugutekommen. Außerdem wird das Straßennetz ausgebaut, Häfen erweitert, neue Flughäfen in Betrieb genommen und eine Verbindung zwischen dem anderen Megaprojekt, dem Interozeanischen Korridor am Isthmus von Tehuantepec, geschaffen. Auf der Strecke zwischen den zwei Megaprojekten liegt die Raffinerie Dos Bocas und auch 80% des Erdölvorkommens Mexikos.
Der Tourismus rund um den "Tren Maya" wird von Regierung und Medien als zentrale Stärke des Projekts dargestellt – doch gerade darin liegt eine große Gefahr. Die starke Fokussierung auf touristische Vorteile verdeckt, dass mit dem Zug viele weitere Megaprojekte einhergehen: Bergbau, Monokulturen, Militarisierung, organisierte Kriminalität und großflächige Eingriffe in die Umwelt.
Der Tren" Maya" ist nicht nur ein Transportmittel für Reisende, sondern Teil einer umfassenden territorialen Umgestaltung Südostmexikos. Seine touristische Dimension hat dabei zerstörerische Folgen. Mehr Tourismus bedeutet eine koloniale Invasion in indigene Territorien – mit zunehmender Urbanisierung, Umweltzerstörung, Wasserknappheit und schlechten Arbeitsbedingungen in der Bau- und Hotelbranche.

Zugleich zieht der wachsende Tourismus kriminelle Strukturen an, darunter Drogenhandel und Prostitution. Als Reaktion darauf werden viele Gebiete militarisiert, was zu „bewaffneten Stränden“ führt, die die Gewaltspirale eher verschärfen als beenden.
Hier werden vier Orte untersucht die unterschiedliche Phasen der touristischen Entwicklung in Südostmexiko repräsentieren – als Beispiele für eine Dynamik, die weit über den "Tren Maya" hinausreicht und das Verhältnis zwischen Wirtschaft, Umwelt und Indigener Kultur grundlegend verändert.
Station I - Cancún
Cancún steht exemplarisch für die tiefen Widersprüche des modernen Tourismus in Mexiko. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten hat sich die einst kleine Indigene Fischergemeinde in eine geteilte Stadt verwandelt: Auf der einen Seite die luxuriöse Hotelzone mit riesigen Resorts, Einkaufsmeilen und Vergnügungsparks für internationale Touristinnen – auf der anderen Seite, getrennt durch die Lagune, die ärmere Stadt, in der die Arbeiterinnen leben, die diesen Wohlstand überhaupt ermöglichen. Diese Trennung zeigt die soziale Ungleichheit, die durch den Tourismus weiter verstärkt wird.
Im Diskurs rund um den "Tren Maya" wird Cancún von der Regierung als Beispiel für wirtschaftlichen Erfolg präsentiert. Das Projekt soll angeblich neue Arbeitsplätze schaffen, Wohlstand fördern und gleichzeitig den Umweltschutz stärken. Doch die Realität sieht anders aus: Neue Hotelanlagen entstehen am Rand oder sogar innerhalb von geschützten Dschungelgebieten, Arbeitsbedingungen auf den Baustellen sind oft prekär, und es kommt immer wieder zu schweren Unfällen und Todesfällen.
Die Regierung nutzt den Begriff des „nachhaltigen Tourismus“, um Kritik zu entkräften – tatsächlich führt der Ausbau jedoch zu weiterer Urbanisierung, Umweltzerstörung, sozialer Ausbeutung und Militarisierung. Soldaten patrouillieren vor Hotels, um die Präsenz des organisierten Verbrechens zu kontrollieren, während die Gewaltspirale und Ungleichheit weiter zunehmen.
Die Maya werden in der öffentlichen Debatte als Hauptnutznießer*innen des Projekts dargestellt, doch in Wirklichkeit profitieren sie kaum: Sie arbeiten meist unter schlechten Bedingungen im Dienstleistungssektor, ohne Aufstiegschancen, während große Unternehmen und politische Eliten die Gewinne abschöpfen. Cancún ist damit ein Beispiel für das, was auch in anderen Regionen entlang der Zugstrecke droht – eine koloniale Form des Tourismus, die Kultur und Territorium der indigenen Bevölkerung kommerzialisiert und zerstört.
Station II: Die Militärbasis - Xpujil
Xpujil im Bundesstaat Campeche zeigt, wie der "Tren Maya" Militarisierung, Umweltzerstörung und soziale Umwälzungen in abgelegene Regionen bringt. Die einst kleine Gemeinde mit rund 5.000 Einwohner*innen hat sich durch den Bau des Zuges stark verändert: Heute prägen Bauarbeiter, Soldaten und neue Tourismusprojekte das Stadtbild. Die Regierung rechtfertigt die starke Militärpräsenz mit Infrastruktur- und Sicherheitsargumenten, doch tatsächlich dient sie auch der Kontrolle über das Gebiet und der Einschüchterung des indigenen Rats CRIPX, der sich gegen den Bau im Calakmul-Reservat wehrt.

Zugleich wird der Diskurs um „Arbeitsplätze für Einheimische“ als Mittel genutzt, um Landraub und die Ansiedlung großer Tourismusunternehmen zu legitimieren. Die Regierung verspricht:
Viele Menschen verlassen aufgrund solcher Versprechen ihr Land, das anschließend von großen Unternehmen genutzt wird:
Am Ende erkennen viele Arbeiter*innen, dass die Realität weit von den Versprechen entfernt ist:
Xpujil wird so zum Beispiel dafür, wie der "Tren Maya" nicht Wohlstand, sondern neue Formen von Kontrolle, Ausbeutung und Umweltzerstörung in den Süden Mexikos bringt.
Station III: Das Tor zum Meer - Felipe Carillo Puerto
Felipe Carrillo Puerto zeigt, wie der "Tren Maya "und seine Begleitprojekte den Massentourismus in ehemals autonome Maya-Gemeinden bringen. Obwohl Präsident AMLO 2021 den Maya für die Leiden während des Kastenkriegs öffentlich um Vergebung bat, wird gleichzeitig der Tren Maya als „Fortschritt“ beworben – ein Paradebeispiel für die Inkorporierung von Kritik, die gewürdigt, aber gleichzeitig untergraben wird.
Die Folgen für die Region sind gravierend: Traditionelle Lebensweisen werden zerstört, die jungen Menschen ziehen in Hotels in Cancún oder Tulum ab, und die Abhängigkeit von der Tourismusindustrie wächst. Die Maya in Carrillo Puerto beobachten dies kritisch:
Die Versprechen von „Entwicklung“ und „grünen Arbeitsplätzen“ werden von der Regierung genutzt, um Landraub und touristische Investitionen zu rechtfertigen:
In der Realität zeigen sich die negativen Folgen deutlich: Umweltzerstörung, Abwanderung, überfüllte Hotels, steigender Druck auf Ressourcen und eine Zunahme von Gewalt, insbesondere gegen Maya-Frauen. Die Bewohner*innen befürchten, dass Felipe Carrillo Puerto zum nächsten Cancún wird:
Das Projekt „Puerta al Mar“ im Biosphärenreservat Sian Ka’an verdeutlicht, wie der Tren Maya infrastrukturelle, ökonomische und ökologische Veränderungen erzwingt: Historisch geschützte Gebiete werden für Tourismusprojekte geöffnet, Land wird verkauft, und sensible Ökosysteme – wie Mangroven und Cenoten – gefährdet. Der Diskurs der Regierung über soziale Gerechtigkeit, grüne Arbeitsplätze und Ökotourismus verschleiert somit die realen Auswirkungen von Kapitalinteressen und Massentourismus.
Station IV: Die Mangrove - Sisal
Sisal war einst ein wichtiger Hafen für den Sisal-Export und Piratenschutz, heute ist es ein kleines Fischerdorf mit rund 2.000 Einwohner*innen und unberührten Mangroven, die durch klare Cenoten gespeist werden.

Obwohl der Tren Maya nicht direkt durch Sisal verläuft, spürt die Stadt die touristischen Auswirkungen bereits: Seit 2020 wurde Sisal gegen den Willen der Bevölkerung zum Pueblo Mágico erklärt – ein Titel, der Orte für Tourismus attraktiv macht. Die Einheimischen befürchten, dass dies Verdrängung, Gentrifizierung und Zersiedelung nach sich zieht.
Die Fischer sind besorgt um die Gesundheit des Korallenriffs, das durch Ölverschmutzungen bereits Schaden genommen hat. Auch die territoriale Neuordnung der 4T verschärft die Situation: Grundstücke und Strände werden touristisch erschlossen, neue Straßen und Ferienhäuser geplant, und die unberührte Natur droht zerstört zu werden.
Die Bewohner*innen reagieren aktiv und haben Kooperativen gegründet, um sich auf die drohende „touristische Explosion“ vorzubereiten. Während einige Orte wie Bacalar durch die Pueblos Mágicos touristisch wachsen und international wahrgenommen werden, warnt ein Einwohner von Mérida:
Die Gefahr ist, dass Sisal und seine Mangrovenlandschaft durch den Massentourismus zerstört werden, wie es bereits andernorts, etwa in Bacalar, geschehen ist. Der einzigartige Naturraum, der bisher Tourist*innen anzog, könnte durch Infrastruktur, Hotels und die Auswirkungen des "Tren Maya" stark gefährdet werden.