Urbanisierung: Territoriale Kontrolle von Heute
Seit 2018 wird auf der Yucatán-Halbinsel der Tren "Maya", das Prestigeobjekt der vorherigen und derzeitigen Regierung Mexikos, gebaut und ist auch zu Teilen fertiggestellt.
Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um einen Zug, sondern um ein Paket von Infrastrukturprojekten, die u.A. den Sektoren Energie, Gütertransport und Agrarindustrie zugutekommen. Außerdem wird das Straßennetz ausgebaut, Häfen erweitert, neue Flughäfen in Betrieb genommen und eine Verbindung zwischen dem anderen Megaprojekt, dem Interozeanischen Korridor am Isthmus von Tehuantepec, geschaffen. Auf der Strecke zwischen den zwei Megaprojekten liegt die Raffinerie Dos Bocas und auch 80% des Erdölvorkommens Mexikos.
Die Projekte sind auch Teil eines größeren Plans der 'territorialen Neuordnung'.
Historische territoriale Kontrolle
Koloniale Machtstrukturen zielen seit der Eroberung Lateinamerikas und bis heute darauf ab, indigene Bevölkerungen zu kontrollieren, ihre naturverbundene Weltsicht zu verdrängen und ihnen durch Missionierung, Encomienda [1] - und Hacienda-Systeme [2] eine neue soziale und räumliche Ordnung aufzuzwingen. Diese Ordnung regulierte, wie Städte zu bauen waren und wie Räume genutzt werden durften, was bis heute zu ungleichen Zugängen zu Ressourcen führt. Auch wenn diese Mittel heutzutage nicht mehr genutzt werden, so gibt es andere Strategien hegemoniale "Moderne" gesellschaftliche Formen aufzuzwängen.
Mehr historischer Kontext ist im Report 'Widerstand gegen die Megaprojekte des Kapitals im süd-südöstlichen Territorio' (Kapitel II: Vizekönigliches Yucatán und III: Liberalisierung des Marktes) zu finden.
Aktuelle Projekte der Urbanisierung und territorialen Neuordnung
Im Süd-Südosten Mexikos setzt sich die Logik der territorialen Kontrolle fort, da aktuelle Entwicklungsprogramme den Bau neuer Städte und Infrastrukturen über die Erhaltung bestehender naturnaher und indigener Territorien stellen. Die beiden großen Gigaprojekte – Tren Maya und CIIT – sind eng mit staatlichen Raumordnungsprogrammen verbunden, die im Rahmen der „Vierten Transformation“ geschaffen wurden.
Verantwortlich für diese Programme ist die SEDATU (Ministerium für landwirtschaftliche, territoriale und städtische Entwicklung). Diese ging aus der Fusion früherer Ministerien hervor und strebt offiziell eine nachhaltige, menschenrechtsbasierte Bodenpolitik an. Dennoch stellt sich die Frage, welche Art von Entwicklung tatsächlich verfolgt wird und ob sie marginalisierte Gruppen wirklich einbezieht. Die SEDATU arbeitet eng mit anderen Behörden wie der SEMARNAT (mexikanisches Umweltministerium) zusammen, um eine integrierte nationale Raumplanung umzusetzen. Insgesamt zeigt sich, dass diese Institutionen die territoriale Neuordnung vorantreiben und die Grundlage für die Ausweitung weiterer Großprojekte bilden, die häufig auf Kosten indigener Gebiete gehen.
Zwei Programme des Mexikanischen Staats, die derzeit die Urbanisierung im Fokus haben sind (1.) ENOT (Nationale Strategie für Territorialplanung) und (2.) POTR-SSE (Territorialplanungsprogramm der Region Süd/Süd-Ost).
Beide bewerten Megaprojekte wie den Tren Maya und den Interozeanischen Korridor als wichtige Säulen einer Entwicklung die "rationale, gerechte, inklusive und nachhaltige Nutzung des Bodens" vorsieht, dabei einen Fokus auf "Menschenrechte, Gender-Perspektive, anerkennung der indigenen Völker, etc." legt [3].
In der Umsetzung der Projekte zeigt sich jedoch, dass diese Beschreibung weit von der Realität entfernt ist: Seien es untragbare Arbeitsbedingungen beim Bau der Megaprojekte, Umweltschäden durch die Megaprojekte, oder das Ignorieren international festgelegter Konventionen; Der Tren "Maya", der Interozeanische Korridor und andere neoliberale Ideen der Entwicklung führen nicht zu der gloriosen Zukunft, die sie versprechen.
Quellen
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Die Encomienda wurde als landwirtschaftliche Herrschaftsform aus dem feudalen Spanien übernommen. Kleinbäuer*innen mussten den Encomenderos, also den spanischen Herren einen Teil ihrer Produkte abgeben.
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[2]
Haciendas waren der Großgrundbesitz der Nachfahren der Eroberer. Hier wurden meist Monokulturen angepflanzt und Landarbeiter*innen lebten unter sklavenähnlichen Bedingungen.
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[3]
https://www.gob.mx/sedatu/documentos/programa-de-ordenamiento-territorial-de-la-region-sur-sureste