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Drei Männer mit Kleidung aus der Kolonialzeit stehen vor einem Schiff. Sie halten schwerter und ein Kreuz

Kolonialismus: Was sind die Vorläufer der Megaprojekte von heute?

Seit der Ankunft der Europäer*innen haben Projekte, wie der "Tren Maya", die koloniale Besetzung und die Enteignung indigener Gemeinschaften ermöglicht. Es gibt eine territoriale Geschichte von Infrastrukturmaßnahmen auf der Halbinsel Yucatán in Südostmexiko. Damit wird deutlich, dass der "Tren Maya" nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern in einer kontinuierlichen historischen Linie steht, in der Land, Infrastruktur und indigene Territorien immer wieder für wirtschaftliche Interessen umgestaltet wurden.
Bandada 18.10.2025 Deutschland | Mexiko

Seit 2018 wird auf der Yucatán-Halbinsel der Tren "Maya", das Prestigeobjekt der vorherigen und derzeitigen Regierung Mexikos, gebaut und ist auch zu teilen fertiggestellt.

Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um einen Zug, sondern um ein Paket von Infrastrukturprojekten, die u.A. den Sektoren Energie, Gütertransport und Agrarindustrie zugutekommen. Außerdem wird das Straßennetz ausgebaut, Häfen erweitert, neue Flughäfen in Betrieb genommen und eine Verbindung zwischen dem anderen Megaprojekt, dem Interozeanischen Korridor am Isthmus von Tehuantepec, geschaffen. Auf der Strecke zwischen den zwei Megaprojekten liegt die Raffinerie Dos Bocas und auch 80% des Erdölvorkommens Mexikos.

Der "Tren Maya" kann nicht zeitlich isoliert betrachtet werden, sondern steht in einer kontinuierlichen historischen Linie, in der Land, Infrastruktur und Indigene Territorien immer wieder für wirtschaftliche Interessen umgestaltet wurden.

Maya-Kosmogonie (bis 1542): Berge, Cenotes und traditionelle Milpas

In Mesoamerika galten vor der Kolonialisierung Berge mit Wasserquellen als heilig, da sie die Lebensgrundlage durch den Maisanbau ermöglichten. Die Pyramiden wurden als Darstellungen dieser heiligen Berge gebaut, die das Zentrum der Gemeinschaft symbolisieren. In der Maya-Kosmogonie ist die Unterwelt ein fruchtbarer Ort, in dem Wasser und Samen aufbewahrt werden, um mit der Regenzeit wieder Kraft zu gewinnen. Höhlen dienten als Kultstätten, in denen die Maya Kontakt zu Wasser- und Fruchtbarkeitsgottheiten hatten.

Zwischen 2500 v. Chr. und 1542 n. Chr. entstanden große Handels- und Diplomatennetzwerke zwischen Maya-Stadtstaaten wie Tikal, Calakmul oder Palenque. Die Bevölkerung wanderte im Laufe der Jahrhunderte nach Norden zur Halbinsel Yucatán, wobei Handelswege und kulturelle Praktiken wie die landwirtschaftliche Kosmogonie erhalten blieben.

Die Maya bauten die Milpa an, ein rotierendes Landwirtschaftssystem mit Mais, Bohnen, Kürbis und Chili, das den Boden über 10–12 Zyklen regeneriert. Tierisches Eiweiß stammte aus Fischfang, domestizierten Tieren und Jagd, während Lasten ausschließlich von Menschen getragen wurden.

Das Maya-Haus stand meist gegenüber der Milpa und war klein, luftig und einfach gebaut. Ein Gemüsegarten, Hühnerhof, Maisfelder und Obstbäume gehören dazu, während Küche, Latrine und Werkstätten außerhalb liegen. Dieses Muster sorgt für eine verstreute Besiedlung.

Skizze eines Maya-Haus
Skizze eines Maya-Haus

Der Maisgott Yum Kaax symbolisiert den Zyklus von Aussaat, Unterwelt und Ernte und ist zentral für die Ernährung und Spiritualität der Maya. Die Erde wird dabei oft als Schildkrötenpanzer dargestellt, der Leben und Fruchtbarkeit schützt.

Das Vizekönigreich Yucatán (1542-1785): Innenpolitik und Außenhandel

Nach dem Fall des Imperiums der Mexicas (das ist die Eigenbezeichnung der Ethnie, die normalerweise 'Azteken' genannt werden) 1521 dauerte die Eroberung der Maya-Gebiete noch viele Jahrzehnte. Die spanischen Siedlungen auf der Halbinsel Yucatán konnten sich erst zwischen 1542 und 1545 durchsetzen, nach einem langen und gewaltsamen Krieg. Da Yucatán keine reichen Bodenschätze besaß, galt die Region für die Spanier als wenig attraktiv.

Krte von Mérida
Krte von Mérida

Im Landesinneren entstanden neue Städte wie Mérida und Campeche, während die katholische Kirche mit den sogenannten „Reducciones de indios“ die verstreut lebenden Maya zwangsweise in Dörfer umsiedelte. Diese Neuordnung zerstörte das traditionelle Muster aus Milpa und Haus, das zuvor das Alltagsleben geprägt hatte.

Unter dem Encomienda-System wurden die Maya gezwungen, Abgaben in Form von Mais und Baumwolle zu leisten. Gleichzeitig breiteten sich Viehweiden (Estancias ganaderas) aus, die das Maya-Milpa-Territorium weiter verdrängten.

Yucatán spielte auch im Atlantikhandel eine Rolle: Der Hafen Campeche exportierte Häute und Salz und war Ziel zahlreicher Piratenangriffe, weshalb er im 17. Jahrhundert stark befestigt wurde.

Ein Symbol des anhaltenden Maya-Widerstands ist das Fürstentum Tayasal der Itzae am Lago Petén im heutigen Guatemala. Es hielt jahrzehntelang gegen die Spanier stand und fiel erst 1697. Der heutige Ort trägt den Namen San Andrés del Petén.

Marktliberalisierung (1785-1910): Haciendas, Krieg und Militärzüge des 19. Jahrhunderts

Henequén-Plantage vor einem kolonialen Haus
Henequén-Plantage vor einem kolonialen Haus

Nach der Unabhängigkeit 1821 wandelte sich die Halbinsel Yucatán wirtschaftlich und gesellschaftlich tiefgreifend. Unter dem Einfluss liberaler Reformen wurde das Land privatisiert, wodurch die alten Encomiendas in Haciendas übergingen – große landwirtschaftliche Betriebe, die Monokulturen wie Zuckerrohr, Baumwolle und später Henequén (Kakteenpflanze) produzierten. Diese Entwicklung stärkte Mérida als wirtschaftliches Zentrum, bedeutete aber zugleich die Vertreibung und Ausbeutung der Maya-Bevölkerung.

Die Haciendas funktionierten wie halbfeudale Systeme: Die Maya erhielten zwar Lohn, blieben aber durch Schulden und Pachtverträge dauerhaft abhängig. Der wachsende Widerstand der Landarbeiter mündete 1847 im Kastenkrieg, in dem Maya-Gemeinschaften im Osten und Süden Yucatáns jahrzehntelang gegen die Regierung kämpften und in Chan Santa Cruz (heute Felipe Carrillo Puerto) eine autonome Region errichteten.

Gemälde des Kastenkriegs
Gemälde des Kastenkriegs

Parallel erlebte der Nordwesten Yucatáns einen Boom durch den Export von Henequén, dessen Fasern für die Schifffahrtsindustrie weltweit begehrt waren. Neue Eisenbahnlinien verbanden ab 1880 die Haciendas mit Mérida und dem eigens gegründeten Hafen Progreso, was Handel und Urbanisierung beschleunigte.

Erst 1901 beendeten die Truppen des Diktators und Völkermörders Porfirio Díaz den jahrzehntelangen Maya-Widerstand gewaltsam. Der Krieg hatte nicht nur Dörfer zerstört, sondern auch große Teile des Regenwaldes verwüstet, die Truppen von Porfirio Díaz rodeten einen Streifen von 100 Metern Breite und 60 Kilometern Länge gerodet. Zudem wurde die Eisenbahn eingeführt.

Politische Ökonomie des 20. und 21. Jahrhunderts (1910-2025): Erdöl, Industrie und Touristifizierung

Im 20. und 21. Jahrhundert wandelte sich die Halbinsel Yucatán grundlegend. Auf den wirtschaftlichen Aufschwung durch den Henequén, das „grüne Gold“ des 19. Jahrhunderts, folgte ein tiefgreifender Strukturwandel hin zu Industrie, Erdölwirtschaft, Tourismus und Immobilienentwicklung.

Mit dem Niedergang des Henequén nach dem Zweiten Weltkrieg – infolge der Einführung synthetischer Fasern – verlor Yucatán seine wichtigste Einkommensquelle. Der Staat reagierte mit Agrarreformen und Förderprogrammen, die zeitweise die Produktion stabilisierten, doch langfristig führte der Preisverfall zu einer Neuorientierung der gesamten Regionalwirtschaft.

Ein entscheidender Wendepunkt war 1970 die Entdeckung des Erdölfelds Cantarell in Campeche. Der Ölboom brachte kurzfristigen Wohlstand, aber auch Umweltbelastung und eine starke Abhängigkeit von fossilen Industrien. Parallel dazu setzte der Staat auf Tourismus als Entwicklungsstrategie: Mit der Gründung des FONATUR (Nationalfonds für Tourismusförderung) 1969 begann der gezielte Ausbau der mexikanischen Küsten. Das Modellprojekt Cancún wurde zwischen 1970 und 1974 als künstliche Tourismusstadt errichtet – mit massiven Infrastrukturinvestitionen und Steueranreizen für Investoren. Heute gilt es als Symbol des Massentourismus und der schnellen Urbanisierung der Halbinsel.

Immobilienentwicklung
Immobilienentwicklung

Diese Dynamik setzt sich bis in die Gegenwart fort: Die Immobilienentwicklung ist heute der dominierende Wirtschaftszweig, der Bauwesen, Handel und Dienstleistungen miteinander verknüpft und globale Kapitalströme anzieht. Dabei verschwinden traditionelle Agrarlandschaften und ökologische Systeme zunehmend zugunsten von urbanen Zonen für Tourismus und Zweitwohnsitze.

Die Ruinen der alten Maya-Städte – Chichén Itzá, Tulum, Uxmal – dienen inzwischen vor allem als Kulisse einer touristischen Vermarktung, die ihre kulturelle und spirituelle Bedeutung überlagert. In diesem Kontext reiht sich auch der "Tren Maya" ein: Er ist weniger ein Projekt kultureller Verbindung als vielmehr Teil eines langfristigen Prozesses der ökonomischen Ausbeutung und Neubesiedlung der Halbinsel im Namen des Fortschritts.

Mayaruinen für Tourismusmarketing
Mayaruinen für Tourismusmarketing

Detaillierte Texte zur kolonialen Kontinuität der Megaprojekte
können in der Broschüre "Widerstand gegen die Megaprojekte des Kapitals im süd-südöstlichen territorio: Tren Maya und Interozeanischer Korridor (CIIT)" gelesen werden.

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