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Zwei hände halten einen Maiskolben

Maya-Territorium unter Druck: Kulturverlust und kollektiver Widerstand

Der "Tren Maya" bedroht nicht nur empfindliche Ökosysteme wie Cenotes und Regenwald, sondern greift tief in das soziale Gefüge der Maya-Gemeinschaften ein: traditionelle Versammlungen, Berufe, Feste und kollektive Entscheidungsstrukturen werden durch Landraub, Urbanisierung und Tourismusdruck geschwächt. Die Gigaprojekte zerstören Beziehungen zwischen Mensch, Land, Kultur und Natur, die über Jahrhunderte das Überleben der Gemeinschaften gesichert haben. Gleichzeitig zeigt sich ein starker kollektiver Widerstand, der die comunidades regional verbindet und ihr kulturelles Selbstverständnis stärkt.
Bandada 05.10.2025 Deutschland/Mexiko

Seit 2018 wird auf der Yucatán-Halbinsel der Tren "Maya", das Prestigeobjekt der vorherigen und derzeitigen Regierung Mexikos, gebaut und ist auch zu Teilen fertiggestellt.

Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um einen Zug, sondern um ein Paket von Infrastrukturprojekten, die u.A. den Sektoren Energie, Gütertransport und Agrarindustrie zugutekommen. Außerdem wird das Straßennetz ausgebaut, Häfen erweitert, neue Flughäfen in Betrieb genommen und eine Verbindung zwischen dem anderen Megaprojekt, dem Interozeanischen Korridor am Isthmus von Tehuantepec, geschaffen. Auf der Strecke zwischen den zwei Megaprojekten liegt die Raffinerie Dos Bocas und auch 80% des Erdölvorkommens Mexikos.

Obwohl der Zug mit dem Attribut "Maya" versehen ist, so zerstört er mit einer kapitalistischen Vision der Entwicklung die Maya-Kulturen.

Die Maya-Gemeinschaften der Halbinsel Yucatán stehen heute vor einer tiefgreifenden Bedrohung durch den Tren "Maya" und andere Megaprojekte, die in eine lange Geschichte kolonialer Enteignung und territorialer Zerstörung eingebettet sind. Der Widerstand gegen Landraub, gegen die kapitalistische Modernisierung und gegen die Vernichtung kollektiver Lebensweisen ist nicht neu: Seit über 500 Jahren verteidigen indigene Gemeinschaften ihr Territorium, ihre Gemeinschaftlichkeit und ihre sozialen Beziehungen. Viele comunidades [1] produzieren bis heute für den eigenen Lebensunterhalt, verkaufen Überschüsse lokal und leben in relativ unabhängigen Wirtschaftsformen außerhalb kapitalistischer Profitlogiken. Diese besonderen territorialen Beziehungen stehen nun massiv unter Druck.

Die verschiedenen Aspekte des sozialen Gewebes. Artwork: Virginie Mermet
Die verschiedenen Aspekte des sozialen Gewebes. Artwork: Virginie Mermet

Die Bezeichnungen 'indigen' und 'Maya' sind schwierig. Einerseits wird die Kategorie 'indigen' sehr verschiedenen Lebensweisen, Kulturen, etc. aufgedrückt und dient so der rassistischen Einteilung der Welt. Andererseits wird die Bezeichnung von verschiedenen Bewegungen reclaimed um der zerstörerischen, westlich-kapitalistischen Hegemonie andere Gesellschaftsentwürfe entgegenzusetzen. Im Kontext von indigenen Gemeinschaften passiert es auch oft, dass bestimmte kulturelle Eigenschaften Zugeschrieben werden. Doch wie bei allen gesellschaftlichen Gruppen entspricht diese Essentialisierung nicht der Realität. Diese ist - wie so oft - komplex und divers.

Wir nutzen 'indigen' aus einer Haltung, die der westlich-kapitalistischen Gesellschaft gegenüber kritisch ist, sind uns aber bewusst, dass er nicht perfekt ist. Bezüglich des Begriffs Maya verhält es sich ähnlich. Es gibt nicht die Maya, vielmehr gibt es verschiedene Gemeinschaften und Pueblos, die eine Sprachfamilie und kulturelle Gemeinsamkeiten teilen, dennoch sind sie dem gleichen Angriff des Kapitalismus ausgesetzt und so betitel wir in diesem Text die Gesamtheit der verschiedenen Gruppen als Maya.

Die Baumaschinen der territorialen Neuordnung scheitern an starker Verteidigung des Territoriums. Artwork: Virginie Mermet
Die Baumaschinen der territorialen Neuordnung scheitern an starker Verteidigung des Territoriums. Artwork: Virginie Mermet

Eine Sache ist jedoch klar: Der Tren "Maya" und die verschiedenen archäologischen Attraktionen wie Palenque, oder Calakmul implizieren, die Maya seien verschwunden. Das ist völlig falsch: Die Nachfahren derjenigen, die in den Maya-Städten lebten, leben weiterhin in Mexiko.

Ángel Sulub spricht darüber, was es bedeutet Maya zu sein

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Auf der Yucatán-Halbinsel ist das Zusammenleben der Maya eng mit den Cenotes, den Höhlen und dem unterirdischen Wassersystem verbunden – einem weltweit einzigartigen, ökologisch empfindlichen und kulturell bedeutenden Ökosystem. Die Zerstörung durch Bauarbeiten, Rodungen und die Umlenkung der Zugtrasse tief in den Dschungel bedroht dieses fragile System und damit die kulturellen Grundlagen der Gemeinden. Bewohner*innen berichten, dass der Widerstand gegen den Tren "Maya" ihre Kollektivität stärkt und sie erstmals regional organisiert gegen Umweltzerstörung auftreten. Die Verbindung zu Wasser, Land und Natur gewinnt für viele neue politische Bedeutung: ökologische Schäden stehen in direktem Zusammenhang mit der Bedrohung ihrer Kultur, Identität und Zukunft.

Ja, ich denke, wenn etwas getan wird, hat sich dieses Gefühl der Fürsorge und Liebe, das man empfindet, noch stärker verankert, oder? Ich denke, dass diese Verbindung mit dem Wasser, die wir seit vielen Jahren pflegen, unsere Beziehung zu den Cenoten prägt. Ich tauche seit zehn Jahren in Höhlen und Cenoten und bin in diesen Räumen aufgewachsen. Das Thema war mir bereits vertraut, denn wir sprachen bereits über die Verschmutzung des Aquifers. Das ist etwas, das seit vielen Jahren passiert. Aber mit dem "tren maya" hat es eine viel stärkere Dimension angenommen.
Quintana Roo, Felipe Carillo Puerto, Mai 2023, Mitbewohner des Gebiets

Gleichzeitig zeigen Stimmen aus der Region, dass der Tren Maya bestehende Probleme beschleunigt – insbesondere die brutale Immobilienentwicklung, Urbanisierung und touristische Überformung der Küstenregion. Städte wie Playa del Carmen, Tulum oder Bacalar, einst Maya-Dörfer mit lebendigen Traditionen, wurden durch Massentourismus weitgehend ihrer kulturellen Identität beraubt. Diese Logik dringt nun weiter ins Landesinnere vor. Mit dem Zug verschiebt sich das Entwicklungsmodell in zuvor ruhige Gebiete, die nun von Landenteignung, ökologischer Überlastung und steigender Abhängigkeit von Tourismus bedroht sind. Damit verschwinden nicht nur Wälder und Cenotes, sondern auch traditionelle Arbeitsformen und Formen der Selbstversorgung.

Gerade diese kollektiven sozialen Strukturen – Versammlungen, traditionelle Berufe, gegenseitige Unterstützung und Feste – bilden die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens und des kommunalen Landbesitzes. Doch eben diese Strukturen sind durch die Gigaprojekte besonders gefährdet. Territorialer „Restrukturierungsdruck“ zerstört das soziale Gefüge, schwächt die Asamblea – den zentralen Ort kollektiver Entscheidungsfindung – und erschwert die Weitergabe von Wissen, Ritualen und gemeinschaftlichen Praktiken. Wie Angehörige der comunidades berichten, sind Versammlungen, Handwerk und Feste nicht nur soziale Ereignisse, sondern Grundpfeiler ihrer politischen Organisation und ökonomischen Unabhängigkeit. Wenn diese Strukturen zerstört werden, verlieren Gemeinschaften ihre Fähigkeit, kollektiv zu entscheiden und gemeinsam zu handeln.

Zudem zeigt sich eine weitere Entwicklung: Das durch die Regierung propagierte „Entwicklungsmodell“ basiert auf globalem Tourismus und führt zu einer tiefen wirtschaftlichen Abhängigkeit. Die Jugend wird in touristische Arbeitsmärkte gedrängt, während traditionelle Tätigkeiten – Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Handwerk – an Bedeutung verlieren. Orte, an denen Tourismus Fuß fasst, verlieren ihre Maya-Identität: Die Menschen, die dort lebten, werden verdrängt oder ihrer kulturellen Grundlagen beraubt.

Aus der Perspektive der Maya-Verteidiger wie Ángel Sulub hat der Tren Maya nicht nur materielle, sondern auch symbolische Konsequenzen.

"Wir sehen die tiefgreifenden Auswirkungen auf das Territorium. Das Territorium ist nicht nur der physische Raum, der Raum der Natur, der verwüstet wird, sondern auch unser symbolischer Raum, der Raum, in dem unsere Sprache, unsere Spiritualität, unsere Rituale, unser ganzes Gedächtnis als Pueblo lebt. Auch das verschwindet. Dieses Pueblo war ein autonomes Pueblo, und die Erinnerung an die Autonomie ist uns genommen worden.
Quintana Roo, Felipe Carillo Puerto, Mayo 2023, Angel Sulub

Sulub beschreibt dies als eine Fortsetzung kolonialer Gewalt in neuer Form – eine schleichende, aber systematische Auslöschung Indigener Autonomie.

Langfristig bedeutet dies eine radikale Transformation des gesamten Territoriums: Der Verlust von Land, ökologischen Grundlagen, kulturellen Praktiken, Entscheidungsstrukturen und historischer Kontinuität. Viele sehen kurzfristige finanzielle Vorteile – Arbeitsplätze, Entschädigungen, Infrastruktur – als trügerisch, denn im Gegenzug verlieren die comunidades das, was sie als Maya-Gemeinschaft ausmacht. Kurzfristige Gewinne werden erkauft mit der Zerstörung eines jahrtausendealten kulturellen, sozialen und ökologischen Gefüges.

Diese Zusammenhänge machen deutlich: Der "Tren Maya" ist nicht nur ein Infrastrukturprojekt, sondern ein tiefgreifender Eingriff in Territorien, Identitäten und Lebensweisen, der die Grundlagen indigener Existenz auf mittel- und langfristige Sicht bedroht. Gleichzeitig hat der Widerstand gegen das Projekt die regionale Vernetzung und kollektive Selbstverteidigung der Maya-Gemeinschaften gestärkt – ein Zeichen dafür, dass die Tradition des Widerstands ebenso lebendig ist wie die Bedrohung durch koloniale Kontinuitäten.

Stimmen der widerständigen Comunidades
können in der Broschüre 'Widerstand gegen die Megaprojekte des Kapitals im süd-südöstlichen territorio: Tren Maya und Interozeanischer Korridor (CIIT)' gefunden werden

Quellen

  • [1]

    Comunidad kann mit Gemeinschaft, oder Gemeinde übersetz werden, die im Normalfall im ländlichen Raum anzufinden ist und viel im Kontext von indigenem Leben genutzt wird. Bei dem Wort liegt ein Fokus auf dem Zusammenleben.

Weitere Medien

  • Ángel Sulub redet

    500 Jahre Widerstand: Angriff des Kapitalismus auf indigene Lebensweisen (4/11)

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    Quintana Roo
    10.Apr.2025
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